LESSER URY

Stadt Land Licht

Zur Eindämmung des Coronavirus bleibt Schloss Achberg und die Ausstellung vorläufig geschlossen.

 

Wie ein roter Faden durchziehen bestimmte Motive die Bildwelt Lesser Urys (1861-1931). Ansichten von Großstädten, menschenleere Landschaften und seine besondere Behandlung des Lichts zeichnen das Werk des Berliner Künstlers aus. Auch wenn er auf den ersten Blick die künstlerischen Konventionen seiner Zeit zu bedienen scheint, setzt er ihnen doch eine eigene Position entgegen.

Lesser Ury formuliert in seinen Bildern immer wieder Gegensätze und Widersprüche. Er arbeitet in und mit der Natur, selbst in den Darstellungen städtischer Szenen in Berlin, London oder Rom. Er ist ein Individualist, der zu Lebzeiten unter den Kollegen und Kritikern nur schwer Zugang zu den führenden Kreisen findet und erst spät in die Berliner Secession aufgenommen wird. Denn seine künstlerische Herangehensweise an Motive und Gestaltung bedient zwar die Sehgewohnheiten seiner Zeitgenossen, um sie aber im nächsten Moment wieder in Frage zu stellen. Er sondert sich ab - als Künstler und als Person. Er gilt als eigenwillig und wenig umgänglich. Dennoch findet er einige Mäzene und Weggefährten, die ihn unterstützen, fördern und seinen späten Ruhm begründen.

Motivische Anregungen erhält Lesser Ury auf zahlreichen Reisen durch die Metropolen und Landschaften Europas. Schon während seiner künstlerischen Ausbildung zeichnet sich der Unruhegeist ab – nirgends macht er länger Station: In Düsseldorf, Brüssel, Paris, München, Berlin und Rom findet er Inspirationen. Im Umland von Berlin, der Mark Brandenburg, in Thüringen, am Gardasee und Holland studiert er intensiv die Natur und arbeitet die jeweiligen Charakteristika heraus.

 

 

Lesser Ury, Waterloo-Brücke bei durchbrechender Sonne, 1926
Privatbesitz | Fotonachweis: Heinz Pelz

Mit seinen Gemälden und Pastellen schafft Lesser Ury Stimmungsbilder, die über die reine Beobachtung des Gesehenen hinausgehen. Ihm gelingt über die Komposition und die Lichtgestaltung Unsichtbares zum Vorschein zu bringen. Regen­nasse Straßen sind dabei ebenso eindrücklich wie finstere Wälder. Die tiefschwarze Nacht Berlins fasziniert auf gleiche Weise wie die leuchtenden Farben in einer holländischen Landschaft. Auch seine Beobachtungsgabe für Menschen zeichnet Lesser Ury aus. Gäste in Kaffeehäusern sitzen oft einzeln, in ihre Lektüre vertieft, nach anderen Gästen Ausschau haltend oder genüsslich rauchend. Passanten auf den Straßen sind hingegen meist in kleinen Gruppen hastend unterwegs. Flaneure im Berlinischen Tiergarten genießen die Natur inmitten der Stadt und kosten diese Momente des Innehaltens aus. Immer wieder lädt Ury dazu ein, sich auf die jeweilige Szenerie neu einzulassen.

In Schloss Achberg werden rund 100 Gemälde, Pastelle, Zeichnungen und Druckgrafiken aus öffentlichem und privatem Besitz zusammengeführt. Sie sind in dieser Konstellation erstmals auch mit einer Wirkungsgeschichte Lesser Urys verknüpft und zeigen, auf welche Weise der Künstler Andere zu ganz unterschiedlichen Werken inspirieren konnte und bis heute kann. Es ist eine Form von Wertschätzung, die sein Schaffen neu verortet.

Die Ausstellung wird kuratiert von Barbara Wagner und ist eine Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog mit Beiträgen von Regine Buxtorf, Tanya Ury, Barbara Wagner und Sofija Živković (104 S., 18,- €, ISBN: 978-3-944685-10-6).

 

Lesser Ury, Unter den Linden, um 1925/30
Galerie Ludorff, Düsseldorf | Fotonachweis: Achim Kukulies