Kraftquellen

Patenschaften zwischen historischer Sakralkunst und zeitgenössischen Positionen

12. August bis 22. Oktober 2017


Glück, Liebe und Hoffnung, aber auch Heimatverlust, Trauer und Tod sind menschliche Grunderfahrungen. Auch aus der Religion sind sie nicht wegzudenken. Glaube spielt, solange er sich mit ihnen befasst, nicht in einem fernen Jenseits, sondern bleibt irdisch und konkret. Auch Künstlerinnen und Künstler greifen diese existenziellen Themen auf, aktualisieren sie, bringen sie den Menschen nah. Wo die Religion aus uralten Bildern und Erzählungen Kraft schöpft, sind sie mit ihrer Arbeit stets gegenwartsnah, sind feinfühlige Seismographen der Gesellschaft in der sie leben und der sie einen Spiegel vorhalten.

In der Ausstellung "Kraftquellen" entstehen im Zusammenspiel von Werken 16 zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler mit je einem von ihnen selbst gewählten sakralen Werk aus der Zeit vor 1800 neue Beziehungen und erweiterte Bedeutungen.
Alte Kirchenkunst aus der Sammlung der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) wird so in einen ganz neuen Kontext gesetzt. Dabei hinterfragen die Künstler das Vorbild und beschäftigen sich mit seiner ursprünglichen Funktion. Wofür wurde das sakrale Werk erstellt? Welche Inhalte transportierte es über die Jahrhunderte und was kann es uns Menschen heute noch oder wieder sagen?

Raumaufnahme: Zwei Reliquienbüsten

Meister von Pfullendorf (Daniel Bräg zugeschrieben): Reliquienbüste des hl. Daniel, um 2017, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Patenschaft mit: Meister von Eriskirch, Weibliche Heilige, um 1420

Die religiös-bildlichen Darstellungen aus der OEW-Sammlung stammen aus mehreren Jahrhunderten. Das älteste ist ein schlichtes romanisches Kreuz und die jüngsten Werke sind Bildnisse von Heiligen und biblische Szenen aus dem 18. Jahrhundert. Sie wurden im Auftrag der Kirche geschaffen und dienten für die Gläubigen als Leit- und Vorbilder. Sie sollten in allen Situationen des menschlichen Daseins Hilfe leisten können. Jedes religiöse Objekt erfüllte eine besondere Funktion. Heute fristen viele solcher Werke ein Nischendasein, ruhen oft in den Depots der Museen. Es war die Idee der Kuratorin Dr. Ilonka Czerny, einige dieser Werke nicht nur wieder einmal in einer Ausstellung zusammenzuführen, sondern zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zu bitten, Patenschaften mit ihnen einzugehen.

Die Ausstellung macht deutlich, dass die Kraftquellen von damals an Faszination nichts eingebüßt haben und nach wie vor Sinn-Bilder sind. Die Ergebnisse sind verblüffend: Einige Künstler haben die einstigen biblischen Erzählungen und Lebensgeschichten der Heiligen in die Gegenwart umgesetzt. Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten wird Pate für Zeichnungen, die in einem Berliner Flüchtlingsheim entstanden sind. Die Heiligen Drei Könige sind nun nicht mehr nur männlichen, sondern auch weiblichen Geschlechts. Doch welche "Gaben" bringen sie uns heute? Andere Künstler materialisieren Beziehungsebenen und versuchen darzustellen, was kaum darstellbar ist. Auch hierin treffen sich historische und zeitgenössische Kunst: Das Unaussprechliche sichtbar machen.

Iris Wöhr-Reinheimer, Tribut an meine Königinnen, 2017

 

Die Ausstellung "Kraftquellen" steht in einer Reihe von Veranstaltungen, die von der Gesellschaft Oberschwaben im Reformationsgedenkjahr unterstützt werden. Vor 500 Jahren kritisierten die Reformatoren die Bilderverehrung. In der Gegenwart stellen sich dieselben Fragen: Welche (Vor)Bilder verehren wir? Was und wen beten wir an? Betreiben wir Gottes- oder Götzendienst? Sind Sünde und Gnade, Himmel und Hölle wirklich kein Thema mehr?

Impulse geben in der Ausstellung Sonja Alhäuser, Thom Barth, Matthias Beckmann, Daniel Bräg, Karolin Bräg, Christoph Brech, Jan Dietrich, Christoph Frick, Klaus Illi, Pietra Löbl, Susanna Taras, Laurenz Theinert, Wilm Weppelmann, Rolf Wicker, Iris Wöhr-Reinheimer und Jeanette Zippel. Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog (978-3-944685-06-9).

Hans und Jakob Strüb, Kaspar und Melchior/Anbetung des Königs Balthasar/Joseph, um 1510
Matthias Beckmann, Kleiderkammer aus der Serie „Notunterkunft Lobeckstraße“, 2016
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Michael Zeynsler, Flucht nach Ägypten, um 1525–30
Thom Barth, Kubus 3006060 Battery Ballet, 2014–2017
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Joseph Stern, Hl. Leopold und Hl. Liborius, um 1764