Berliner Zimmer | Homecoming Artists

18. Juli bis 25. Oktober 2020 

Schloss Achberg versammelt erstmals Positionen von elf international erfolgreichen Künstlerinnen und Künstlern, die alle ein geografisches Merkmal eint: sie stammen aus Oberschwaben und leben in Berlin: Nándor Angstenberger, Angelika Frommherz, Friedemann Grieshaber, Sabine Groß, Veronike Hinsberg, Thomas Locher, Gerold Miller, Peter Pumpler, Albrecht Schäfer, Andrea Zaumseil und Francis Zeischegg. Nun kommen sie mit ihren Werken auf Heimatbesuch zurück. Die meisten Werkgruppen und Installationen wurden eigens für Schloss Achberg eingerichtet und treten in einen überraschenden Dialog mit der barocken Architektur. 

Im Mittelpunkt der Werkauswahl stehen künstlerische Fragestellungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Raum befassen bzw. selbst einen räumlich-skulpturalen Zugang suchen. Der Titel "Berliner Zimmer" ist deshalb durchaus doppeldeutig: Nicht nur werden aus den barocken Räumen des Schlosses nun die Kunst-Zimmer der Berliner. Das Berliner Zimmer selbst ist eine Anspielung auf eine Spezialität des Berliner Wohnungsbaus im späten 19. Jahrhundert: Ein großes, oft lichtloses Durchgangszimmer, das als Aufenthalts- und Empfangsraum diente. In der Gegenwart transformiert das Berliner Zimmer wiederum zur Metapher für einen Raum, in dem sich sämtliche Probleme der Gegenwart wie in einem Brennglas verdichten, egal ob in Politik, Kultur oder Gesellschaft. Soziale Spaltung, Diversität, Gentrifizierung, Transgression... wohin das Durchgangszimmer führt, bleibt offen.

Andrea Zaumseil, Aus der Serie Vögel, 2020
Raumansicht Schloss Achberg
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020 | Foto: anja koehler

Dass die Realisierung der Ausstellung in einen solchen zeitlichen Kontext fiel, war freilich vorher nicht abzusehen. Ausgerechnet die Tendenz zu einer Auflösung des Raums Dank müheloser Überwindung der Distanzen führte dann zu einer globalen Kontamination des gerade endgültig überwunden geglaubten Raumes. Es ist eine mehr als frappierende Er­fahrung, beobachten zu können, welche Akzentverschiebung die Wahrnehmung der künstlerischen Werke vor dem Hintergrund einer gewandelten Welt erfährt. 

Es macht die außerordentliche Qualität und den immer währenden intellektuellen Reiz der hier gezeigten Werke aus, dass sie sich auch in veränderten Weltkonstellationen hervorragend eignen, unseren Lebensraum neu und anders zu reflektieren. Und die Berliner Zimmer auf Schloss Achberg bestätigen damit aufs Neue die Rolle, die Nikolaus Luhmann für die Kunst der Gesellschaft (1995) beschreibt: "Offenbar sucht die Kunst ein anderes, nicht normales, irritierendes Verhältnis von Wahrnehmung und Kommunikation". Es ist eine Irritation, die Dank der beteiligten Künstlerinnen und Künstler höchst erhellend wirkt. 

Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog zum Werk der Künstlerinnen und Künstler (ISBN: 978-3-944685-11-3, 15 €) erschienen. Seit dem 15. Juli ist auf der Webseite ein digitaler Rundgang mit dem Kurator Prof. Dr. Martin Oswald verfügbar. Es gibt ein vielfältiges Begleitprogramm mit Führungen und Lesungen. Kinder können individuell mit dem Kinderkunstführer spielerisch auf Entdeckungsreise gehen.

Francis Zeischegg, Snowtangle, 2012
Raumansicht Schloss Achberg
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020 | Foto: anja koehler
Gerold Miller, TO 6, 2019 | Foto: anja koehler
Albrecht Schäfer, Steine 3, 2015 | Foto: anja koehler
Angelika Frommherz, Aus der Serie Weiss, linear 2, 2009 (Ausschnitt) Foto: anja koehler
Sabine Groß, Vague Promises, 2018 © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 | Foto: anja koehler